Forscher gründen: Berlin bündelt seine Gründungsaktivitäten im Verbund Science & Startups, um Ausgründungen aus der Wissenschaft zu fördern

29. April 2021

Forscher gründen

Berlin bündelt seine Gründungsaktivitäten im Verbund Science & Startups, um Ausgründungen aus der Wissenschaft zu fördern

Workshop Kopfsachen e. V. © Nils Lucas

Das Team von Kopfsachen e. V. bei der Konzeption eines Workshops rund um „Corona & Selbstfürsorge“, um den Jugendlichen während der herausfordernden Pandemie bestmöglich Hilfe zu leisten © Nils Lucas

Das volkswirtschaftliche Potenzial von Ausgründungen aus der Wissenschaft ist unbestritten. Doch bleibt ihre Zahl in Deutschland vergleichsweise gering – trotz staatlicher Förderung. Berlin bündelt seine Gründungsaktivitäten nun im Verbund Science & Startups.

„Warum gründen Deutschlands Forscher/-innen nicht?“ Unter dieser Leitfrage erkundet eine aktuelle Studie zur Psychologie des Gründens von der Technischen Universität München und der Joachim Herz Stiftung, warum die Gründungsrate hierzulande trotz bester Ausgangslage so gering bleibt.

„Viel zu wenige unserer hervorragenden Forscherinnen und Forscher gründen – oder sie geben zu früh auf“, heißt es in der Studie. Und das trotz über 70 Förderprogrammen von EU, Bund und Ländern, trotz 560 Vollzeit-Gründungsberater/-innen an hiesigen Hochschulen und trotz immer besserer Rahmenbedingungen für Start-ups.

Die Studie benennt einige Knackpunkte. Gründerteams mit wissenschaftlichem Hintergrund tun sich schwer mit unternehmerischem Denken und pragmatischer Ausrichtung am Markt. Sie unterschätzen Gruppendynamiken und scheitern in zwei Dritteln der untersuchten Fälle daran, vorhandenes interdisziplinäres Potenzial zu heben. Auch die Interaktion mit Coaches läuft laut Studie suboptimal. So manches Team schönt Berichte und verheimlicht Konflikte. Fazit: Sie kommen oft nicht aus ihrer akademischen Haut, verzetteln sich in technologischer Optimierung statt Marktorientierung und schöpfen Potenziale im Umgang miteinander und mit ihren Coaches nicht aus.

Doch so düster, wie es klingt, ist die Lage nicht. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) meldet für 2020 trotz Pandemie 426 Anträge auf Bewilligung von EXIST-Gründerstipendien. So viele waren es noch nie, seit das Programm 2007 startete. Berlin ist in der Gesamtstatistik weit vorn. Drei Hauptstadt-Unis – Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin und Technische Universität Berlin – zählen zu den Top-5 der EXIST-Hochschulen mit den meisten bewilligten Gründerstipendien im Lande. Zufrieden geben sie sich damit jedoch laut Christina Lüdtke, Geschäftsstellenleiterin des Verbundes Science & Startups, noch lange nicht. Vielmehr bündeln die drei Unis und die Charité – Universitätsmedizin Berlin ihre Ressourcen in dem Verbund, um an der Spree ein „in Europa führendes, weltweit sichtbares Ökosystem für forschungs- und wissenschaftsbasierte Gründungen zu schaffen“.

Vielversprechende Teams gibt es zuhauf. Etwa die QoD Technologies GmbH in der Startup-Villa Dahlem, die Forschenden aus der Chemiebranche mit ihrer Plattform Zugriff auf künstliche Intelligenz und Quantensimulation verschafft – und wächst. Die junge Oculid GmbH im Charlottenburger CHIC, die mit ihrer Eye-Tracking-Software handelsübliche Smartphones in sensible Testgeräte für die Markt- und Aufmerksamkeitsforschung verwandelt. Oder Kopfsachen e. V., dessen Fokus auf der psychischen Gesundheit junger Menschen liegt. Science & Startups bietet solchen Teams Räume in Gründungszentren, umfangreiche Services, Coachings und Finanzierungsberatung sowie Zugang zu potenziellen Mitgründenden und wissenschaftlichen Mentor/-innen.

All das bietet der Verbund quasi aus einer Hand, um Synergien zu heben, Netzwerke zu stärken und Erfahrungen in Strukturen zu gießen: Wo vier so renommierte Unis an einem Strang ziehen, lohnt es sich, Qualität zu standardisieren, Workshop- oder Trainingsformate zu teilen – und eine koordinierende Geschäftsstelle einzurichten.

Die Befunde der Münchner Studie teilen auch Lüdtke und Julia Busch, die den Außenauftritt von Science & Startups verantwortet. Doch sie sehen Handlungsmöglichkeiten – gerade was die Zusammensetzung, Dynamik und Psychologie in Gründungsteams betrifft oder den Wechsel im Mindset von akribischer Forschung zu zupackendem Gründungsgeist. Darin sehen sie eine der wichtigsten Aufgaben universitärer Start-up-Services, zumal Kundenorientierung durch individuelle Coachings, Workshops und intensive Betreuung erlernbar sei. Daneben unterstützt der Verbund die Teams schon in der Findungsphase: „Hier helfen wir ihnen mit Formaten wie Pitching for Competences die richtigen Mitgründenden zu finden“, erklärt Busch. Doch im Prinzip setzt Science & Startups viel früher an. Um das Potenzial wissenschaftlicher Gründungen zu heben, müsse man Forschende für diesen alternativen Karriereweg sensibilisieren – denn viele kämen von selbst gar nicht auf den Gedanken, ihre Forschungsergebnisse und Innovationen in einem eigenen Unternehmen zu verwerten.

Von Peter Trechow für Potenzial – Das WISTA-Magazin
 

Potenzial: Wissenschafts­transfer
Potenzial – Das WISTA-Magazin. Ausgabe: Wissenschafts­transfer 2021